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Sevastopol

"Heldenstadt" und Hauptstützpunkt der vormals russischen und später sowjetischen Schwarzmeerflotte - in kaum einer anderen Hafenstadt auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion ist die Geschichte der russischen und sowjetischen Flotte so präsent wie in Sevastopol. Mit 342 000 Einwohnern (im Jahre 2001) und einer ausgeprägten Fischerei- und Schiffsindustrie hat Sevastopol neben seiner militärischen Bedeutung auch eine wichtige wirtschaftliche Funktion für die Krim und für den Süden der Ukraine. Die zweitgröße Stadt der Krim liegt am äußersten Südwestzipfel der Halbinsel. 38 Buchten zerteilen die Stadt und ihre Umgebung, wobei die größte, die Bucht von Sevastopol (Sevastopolskaja buchta), die Stadt in eine Nord und eine Südhälfte teilt. Das sich auf mehrere Hügel erstreckende Zentrum befindet sich im Süden dieser Bucht. Zudem besitzt Sevastopol administrativ einen Sonderstatus: Die Stadt und die sie umgebende Region sind nicht wie übrige Halbinsel zuerst der Regierung der Autonomen Republik Krim in Simferopol, sondern direkt der ukrainischen Regierung in Kiev unterstellt.

Als wichtiger Flottenstützpunkt war Sevastopol noch bis in die 1990er Jahre eine geschlossene Stadt, in die auch die Krimbewohner nur mit einem Passierschein gelangen konnten. Eine Verordnung des ersten und letzten Krimpräsidenten Meschkov öffnete im Sommer 1994 die "verbotene" Stadt zunächst für die hiesige Bevölkerung. Dennoch fanden erst einmal weiterhin Kontrollen statt, nicht zuletzt wegen Unstimmigkeiten zwischen Kiev und Simferopol, so daß ausländischen Touristen der Zugang nur auf organisierten Bustouren gestattet war. Inzwischen ist die Stadt jedoch für jedermann offen, und die ehemaligen Verbote erscheinen bereits unwirklich. Auf den Straßen Sevastopols begegnet man auf Schritt und Tritt Marineoffizieren und -soldaten -- sowohl von der ukrainischen als auch der russischen Flotte -- in ihren Uniformen. Sie haben sich schnell an die Präsenz von Touristen gewöhnt und verleihen der Stadt eine ganz eigene Atmosphäre.

Kurz nach der Annexion der Krim durch die russische Zarin Katharina II. wurde Sevastopol im Jahr 1783 gegründet. Aber bereits in den Jahren 422 bis 421 vor Christus hatten die Griechen hier eine Stadt errichtet, die sie Chersones nannten, was im Griechischen "Halbinsel" bedeutet. Die Seefahrer mußten sich zunächst mit den im Süden der Halbinsel lebenden und als äußerst räuberisch geltenden Tauriern auseinandersetzen. Doch schließlich drängten die griechischen Kolonialisten die Taurier in das Krimgebirge zurück.

Rasch entwickelte sich Chersones zu einer wichtigen Handelsstadt mit Verbindungen zu den anderen Küstenstädten des Schwarzen Meeres. Ihre Blütezeit erlebte die Stadt im 3. und 2. vorchristlichen Jahrhundert, als sie sich ausdehnte und weite Teile des Südwestens der Krim beherrschte.

Wie in den übrigen grichischen Städten wurde auch im 20 000 Einwohner zählenden Chersones die attische Demokratie eingeführt. Die Bewohner lebten von Ackerbau, Weinkelterei und Handel. Güter wie Fisch, Wein und Silber führten zum Ausbau von Handelsbeziehungen weit über den Schwarzmeerraum hinaus.

Chersones suchte sich gegen die Taurier und die Skythen Verbündete. Mit Hilfe von Mithridates VI., dem König von Pontos, gelang es im 2. Jahrhundert vor Christus, die angreifenden Skythen zurückzudrängen. Von nun an lebten die Bürger von Chersones als Vasallen von Pontos. Zur gleichen Zeit entstanden erste Handelsbeziehungen zum Römischen Reich. Nach den Mithridatischen Kriegen im ersten Jahrhundert vor Christus geriet Chersones, wie auch das übrige Bosporanische Reich, in die Abhängigkeit von Rom. Dennoch behielt die Stadt ihr eigenes Münzprägerecht und eine eingeschränkte Unabhängigkeit. Vermutlich entstanden schon in dieser Zeit erste kleine Christengemeinschaften, und der Legende nach soll bereits Andreas, ein Bruder des Apostels Petrus, hier das Evangelium verkündet haben.

Während die aus dem Norden einfallenden Hunnen und Goten im 3. und 4. Jahrhundert nach Christus die Skythen und Taurier bedrängten, blieb Chersones davon unberührt und konnte sich seine lokale Vormachtstellung im Süden bis zum 9. Jahrhundert erhalten. Schon in dieser Zeit lebten viele verschiedene Völker in der Stadt: Neben den Griechen und Tauriern siedelten sich Juden, Armenier und Türken an. Außerdem unterhielt die Stadt enge Beziehungen zu den Bewohnern der Höhlenstädte des Krimgebirges.

Seit der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts gehörte Chersones zum Byzantinischen Reich, das die Ausbreitung des Christentums forcierte. In dieser Zeit entstanden die ersten Handelsbeziehungen zu den Ostslawen, die über den Fluß Dnepr nach Konstantinopel kamen. Im Jahre 988 belagerte der Kiever Großfürst Vladimir die Stadt Chersones, nachdem er zuvor dem byzantinischen Kaiser Basilios gegen Feinde zur Seite gestanden hatte. Als dieser dem Kiever Fürsten die "Belohnung", seine Schwester Anna, vorenthalten wollte, fiel Fürst Vladimir in Chersones ein, um seiner Forderung nachdruck zu verleihen. Ein Jahr später führte Vladimir die Schwester des Kaisers zum Traualtar, nicht ohne sich vorher in Chersones christlich taufen zu lassen. Damit wurde Rußland christlich und Chersones zur Wiege des russisch-orthodoxen Christentums.

Ab dem 13. Jahrhundert traten neue Kräfte in den Vordergrund, die Chersones bedrängten: die Kiever Rus', das nur wenige Kilometer entfernte Fürstentum Theodoro sowie die handeltreibenden Venezianer und Genueser, die sich an der Südküste festsetzten. Im Jahre 1399 zerstörte ein Tataren-Heer der Goldenen Horde Chersones; danach wurde die Stadt nie wieder aufgebaut.

In Balaklava, einer nur 15 Kilometer entfernt gelegenen Bucht, fielen 1475 die Türken ein. Unter ihrem Schutz währte die Vorherrschaft der Krimtataren, die sich von der Goldenen Horde gelöst hatten, bis zum Anschluß der Krim an Rußland im Jahre 1783.

Die russischen Generäle erkannten rasch die strategisch günstige Lage. So wurde auf Befehl des Gouverneurs der Provinz Neurußland, Fürst Grigorij Potjemkin, ganz in der Nähe des ehemaligen Chersones, jener Stadt des Altertums, die auf der Krim am längsten existiert hatte, eine neue gegründet. Sie erhielt den griechischen Namen Sevastopol -- "Stadt des Ruhmes". Zur gleichen Zeit begann General Aleksandr Kazarskij mit dem Aufbau einer russischen Schwarzmeerflotte, mit der Rußland in den folgenden Jahren im Schwarzen Meer operierte, um dem Osmanischen Reich seine Vormachtstellung in der region streitig zu machen.

Im Krimkrieg von 1853 bis 1856 erlangte die russische Hafenstadt erstmals besondere Bedeutung: 349 Tage widerstand Sevastopol in diesem ersten modernen Stellungskrieg den englischen, französischen und türkischen Belagerern, bevor die völlig zerstörte Stadt 1855 in die Hände der Alliierten fiel. Schon kurz nach dem Krieg entstanden überall Denkmäler zur Erinnerung an die gefallenen Generäle und Soldaten, darunter auch viele Deutsche und Deutschstämmige, wie zum Beispiel General Graf Eduard Totleben, dem ein Denkmal auf dem Historischen Boulevard (Istoritscheskij bulvar) gewidmet ist. Trotz Niederlage und innen- wie außenpolitischen Konsequenzen für das Russische Reich wurde der Krimkrieg zum nationalen Symbol russischer Wiederstandskraft.

Später entstand nicht weit davon das berühmte "Panorama", jenes monumentale Bild, das eine der blutigsten Schlachten dieses Krieges darstellt. Der Künstler Franz Roubeau hielt den Ansturm der angreifenden Engländer und Franzosen, die ein letztes Mal zurückgeworfen wurden, auf einer Leinwand von mehr als 100 Metern Länge und 14 Metern Höhe fest. Das Holzgerüst für das Panorama hatte der Maler deutsch-französischer Herkunft zunächst in München aufgebaut. Erst 1905 wurde der eindrucksvolle Rundbau mit dem im antiken Stil gehaltenen Eingangsportal fertiggestellt.

Die Außenfassade zieren zahlreiche Marmorbüsten zu Ehren der wichtigsten Admirale und Militärs des Krimkrieges -- darunter auch der Schriftsteller Lew Tolstoj, der ebenfalls für einige Monate an der Verteidigung der Stadt teilnahm. Im zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude in Brand geschossen. Nur ein Bruchteil des Originals blieb erhalten. Hinter dem Rundbau befinden sich Reste der ehemaligen Verteidigungsanlagen, darunter eine für die Nachwelt in Beton gegossene Stellung aus Sandsäcken und Korbmatten.

Heute wie damals ist der Historische Boulevard mit seinen Parkanlagen und kleinen Cafes die Flaniermeile der Städter. Wer jetzt schon von den vielen Kriegsdenkmälern ein wenig müde geworden ist, wird hier mit einem herrlichen Blick auf die Bucht von Sevastopol belohnt.

Im Zweiten Weltkrieg tobten heftige Kämpfe zwischen der Wehrmacht und der Roten Armee. Zur stärksten Festung des Zweiten Weltkrieges ausgebaut, verteidigte sich der sowjetische Marinestützpunkt Sevastopol 249 Tage lang gegen die deutschen Truppen, die schließlich die gesamte Halbinsel besetzten. Diese Zeit ist als die "zweite Belagerung/Verteidigung" in die Geschichte Sevastopols eingegangen und setzte den Heldenmut aus dem 19. Jahrhundert fort.

Nach der Konferenz von Jalta im Februar 1945 besichtigte der englische Premierminister Winston Churchill das völlig zerstörte Sevastopol und war erschüttert. Zu seinen Begleitern soll er damals gesagt haben, daß zum Wiederaufbau der Stadt 50 Jahre nötig seien. Als Stalin davon erfuhr, faßte er den Plan, die Stadt innerhalb von fünf Jahren wieder aufbauen zu lassen. So entstand binnen weniger Jahre und unter Einsatz sämtlicher Kräfte das neue Sevastopol. Heute ist das Zentrum der Stadt eines der wenigen Beispiele gelungener stalinistischer Prunkarchitektur mit vielen neoklassischen Bauten und Säulenpalästen. Durch ihre südliche Vegetation und die Bauten aus weißem Kalkstein erhält die Stadt ihr einzigartiges mediterranes Flair.

Zur Zeit der Sowjetunion war die Helden- und Vorzeigestadt eine der wenigen Städte mit Sonderzulagen. Heute sind jedoch sämtliche Begünstigungen weggefallen.

Sewastopol

Sewastopol. Lichtshow 2011.

Sewastopol. Tag der Schwarzmeerflotte.

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